In der Halle des Bergkönigs oder: Eine Muse wird getrollt

ein Erfahrungsbericht von Anne Alter, Vorsitzende Piratenpartei Hamburg

Das Projekt des Hamburger Thalia-Theaters war ambitioniert und sollte dazu führen, dass ein breiteres Publikum als die üblichen Verdächtigen (also die regelmäßgien Theaterbesucher) über den Spielplan der Saison 2012.2/13 sprechen(1). Nun, dieses Experiment kann man getrost als gescheitert betrachten. Zwar wird über das Ergebnis der Wahl, die teilweise postalisch und teilweise per E-Mail durchgeführt wurde, gesprochen, nur sicherlich nicht so, wie die Initiatoren sich das gewünscht hatten.(2)

Man hatte mich als Vorsitzende der Piratenpartei Hamburg und als eine Art Expertin für internetbasierte Demokratie eingeladen, und das, wie sich herausstellen sollte, völlig zu Recht. Denn anscheinend war ich diejenige am Platze, die wusste, was eigentlich ist, dieses Internet, wie es funktioniert und vor allem, wie man dort Abstimmungen nicht durchführen sollte, wenn man irgendeinen Wert auf das Ergebnis legt.

Was war geschehen? Das Thalia-Theater hatte dazu aufgerufen, Vorschläge für Stücke einzureichen, selbst Romane oder sonstige Vorlagen waren zugelassen. Und ebenso, wie jeder irgendetwas einschicken durfte, durfte dann auch, folgerichtig, aber verhängnisvoll, jeder darüber abstimmen. Und das heißt: wirklich jeder. Auch diejenigen, die in ihrem Leben noch nie ein Theater von innen gesehen haben und auch nicht planen, dies zu ändern oder die überhaupt nicht in Hamburg wohnen, nicht wissen, was hier läuft (und was nicht) und denen es ohnehin völlig wurscht sein kann, was das Thalia auf seine Bühne bringt.

Als Pirat weiß ich sehr wohl, wie derartige Abstimmungen im Internet laufen: Man klickt entweder auf das, was man selbst favorisiert oder, falls einem das egal ist, stimmt man für die Option die am allerabsurdesten ist. Schließlich haben wir laut Internetabstimmungen immer den Bundeskanzler gestellt.

So sah das Voting dann auch aus, als das Zwischenergebnis vor Ende der Abstimmung auf der Internetpräsenz veröffentlicht wurde (was an sich schon eigenartig genug ist): Ein Metal-Singspiel (eine Bearbeitung des klassischen Peer-Gynt-Stoffs)(3), das noch nie aufgeführt wurde, auf Platz 1, ein Musical über Jack The Ripper irgendwo in der Mitte und mein ganz persönlicher Favorit auf Platz 3. Das war ein weiblicher Befindlichkeitsmonolog einer Frau, die Männer aus Erbsen züchtet, und sich nach mehr als 300 (!!!) misslungenen Exemplaren beschwert, dass für sie noch keiner dabei war (wo sind die Feministinnen eigentlich, wenn man sie mal braucht, um so ein Machwerk dorthin zu schießen, wohin es gehört?).

Es ist also klar, was passiert ist: Alle und jeder wollten ihr eigenes, bisher verkanntes Meisterwerk endlich auch mal aufgeführt sehen (oder es auf eine große Bühne bringen) und mobilisierten Anhänger, Fans, Freundeskreise, Verwandtschaft und wahrscheinlich noch das Personal ihrer Stammkneipe, um möglichst viele Stimmen zu sammeln. Bizarr? Gewiss. Aber es kam noch besser.

Die Abstimmung wurde getrollt, durch einen Vorschlag, der zwei Stücke beinhaltete, die von großen Autoren stammen: "Die Ehe des Herrn Mississippi" von Friedrich Dürrenmatt(4) und "Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder(5). Beide Stücke werden völlig zu Recht kaum noch aufgeführt, denn sie sind nicht nur völlig verquast, sondern auch nicht mehr zeitgemäß. Hier war also kein Theaterfreund am Werk, der dem Theater einen Gefallen tun wollte, indem er bekannte Werke von bewährter Qualität nach oben brachte umd zu retten, was noch zu retten ist, sondern jemand, der zwar bewährte Namen ins Spiel brachte, aber mit Stücken, die in die Rubrik "Wir gewöhnen uns das Theater völlig ab" gehören. Quasi ein trojanisches Pferd. Ein perfider Plan, aber es gelang tatsächlich, dieses Pferd in die Mauern des Thalia-Theaters zu schmuggeln, wo es zu einer Art Büchse der Pandora mutierte. Und diese verwandelte den Musentempel in die Halle des Bergkönigs - Peer Gynt grüßt schon mal freundlich -, wo der Trollkönig Ensemble, Regisseur und Publikum mit dem Siegerstück foltert.

Kongenial zu diesem Abstimmungschaos, das übrigens live von zwei Damen unter Aufsicht eines Notars ausgezählt wurde (wenn man sich schon blamiert, dann wenigstens ganz offiziell) verlief der Abend: Konzept- und planlos, mit einem Gastgeber, der vor allem Monologe hielt, um die Initiative schönzureden und kritische Stimmen möglichst wenig zu Wort kommen ließ. Dazu wurden Ausschnitte einiger Stücke gezeigt, die unter den ersten zehn gelandet waren, auch wenn sie mit dem Endergebnis wenig zu tun hatten. Schauspieler lasen Szenen aus Dürrenmatt und Wilder, quasi um das Publikum auf die kommende Katastrophe psychologisch vorzubereiten.

Es ist schade, dass eine eigentlich gute Idee (man fragt das Publikum mal, was es gerne sehen möchte) durch mangelhafte Durchführung (man fragt Gott und die Welt) so ad absurdum geführt wurde, und noch bedauerlicher ist es, dass eine traditionsreiche Kulturstätte wie das Thalia-Theater den Kopf für die wirren Ideen einer unkundigen Führungsriege hinhalten darf, wenn sie nicht noch einen Ausweg aus dem selbstgewählten Dilemma "Sie machen Vorschläge, wir nehmen sie an" (unter diesem Titel lief die Wahl) findet.

Die Verantwortlichen machen es sich beim Fazit wie schon bei der Durchführung zu einfach: Nun konstatiert man, dass "Kunst und Demokratie einfach nicht zusammenpassen"(6), was eigentlich heißt, dass das Volk eh zu blöd ist, um ordentlich zu wählen. Das ist so nicht richtig, denn eine Abstimmung unter Menschen, die wirklich zur Zielgruppe des Theaters gehören, dürfte durchaus funktionieren. Doch da ist der technische Aufwand natürlich erheblich größer, wenn man das internetbasiert durchführen möchte. Und es ist natürlich weniger medienwirksam, technisch anspruchsvoller und außerdem mit Kosten verbunden. Stattdessen wollte man "mal voll was mit diesen neuen Medien, Internet und so" machen, und das so gebührenfrei wie möglich und möglichst öffentlichkeitswirksam obendrein.

Als Pirat, dessen tägliches Brot internetbasierte Meinungsbildung ist, bedauere ich, dass etwas, das durchaus funktionieren kann, nämlich direkte Demokratie, durch Unkenntnis, Mediengeilheit und mangelndes technisches Verständnis diskreditiert wurde.

Aber vielleicht hätten sie vorher jemanden fragen sollen, der sich mit so etwas auskennt.

(1) http://www.kultur-port.de/index.php/kunst-kultur-news/3876-thalia-theate...
(2)                         http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804469,00.html
(3) http://peer-returns.com/
(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Ehe_des_Herrn_Mississippi
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Wir_sind_noch_einmal_davongekommen
(6) http://www.thalia-theater.de/extra/spielplanwahl-20122013/

 

 

...ist doch klar!

Anne...du hast den Nagel auf dem Kopf getroffen!!!

Respekt. :)

Hier sollte auch der Bud

Hier sollte auch der Bud Spencer Tunnel erwähnt werden!

Derlei Probleme entstehen, wie Sie ja auch sagten, wenn Unwissenheit und "Neffen-Mentalität" zusammentreffen.

Das klingt fast so, als würde

Das klingt fast so, als würde man ein Spülmittel mit "Schmeckt lecker nach Hähnchen!" bewerben.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,756532,00.html